Freitag, 18. Oktober 2013

Der Genozid (Völkermord) an den pontischen Griechen








Die pontischen Griechen oder Pontier sind die Nachfahren jener Griechen, die im Altertum die südlichen Küsten des Schwarzen Meeres besiedelten, die Landschaft Pontus. Die christlichen Pontier lebten dort bis zum Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, der 1923 durch den Vertrag von Lausanne geregelt wurde. Diejenigen der pontischen Griechen, die moslemisch wurden, leben bis heute immer noch dort und sprechen heute neben dem Pontisch, einem griechischen Dialekt, auch Türkisch.
Bereits die Apostel Andreas und Simon Petros brachten das Christentum schon sehr früh in die Region des Pontus. Dabei war der Status des Griechischen als allgemeine Verkehrssprache der Region bei der Christianisierung vor allem auch der hellenisierten indigenen Gemeinschaften eine willkommene Hilfestellung sowohl anfangs für die Apostel, als auch später für die Kirchenväter. Auf der anderen Seite führte die Christianisierung der hellenistischen indigenen Bevölkerung zur endgültigen Annahme der griechischen Identität und Kultur.
So verschmolzen sie mit den Griechen zu einer einheitlichen Kultur, die auf der gemeinsamen Basis des Christentums gründete.
Das Kloster der Muttergottes Sumela liegt 45 km südlich von Trabzon im Zigana – Gebirge (Pontisches Gebirge) in 1071 Meter Höhe und ist ein bekannter christlicher – orthodoxer Wallfahrtsort, in dem u.a. die Ikone der heiligen Muttergottes, die vom Evangelisten Lukas gemalt worden ist, sein soll. Das Kloster galt während 16 Jahrhunderten als Symbol des pontischen Hellenismus.
Die Eroberung Konstantinopels durch das Fränkische Reich im vierten Kreuzzug zog die Aufsplitterung des Byzantinischen Reiches in kleine fränkische Staaten nach sich. Es erstanden aber auch kleine griechische Königreiche. (…)

Die erneute Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1453 und der Fall von Trapezen acht Jahre später, 1461, bildet für die pontischen Griechen eine Zäsur  in ihrer Geschichte. Viele, insbesondere wohlhabende Einwohner der reichen Küstenregion und der Dörfer, fliehen in die umliegenden Gebirgsregionen des Pontus, in dem Versuch, fernab der Aufmerksamkeit der neuen Herrscher, in neugegründeten und freien, griechischen Dörfern und Städten zu leben. Ein großer Teil wanderte in das Russische Reich aus, in dessen südliche Küstengebiete, nach Georgien, Armenien und Kasachstan, wo sie neue griechische Gemeinden gründeten. So entstanden kulturelle Zentren, die auch in den Folgejahrzehnten die von den nunmehr osmanischen Pontus geflohenen Griechen aufnahmen.
Die Lage der kleinasiatischen Griechen verschlechterte sich zu Beginn des Jahres 1915, als unter dem Vorwand vorbeugender, mit Kriegserfordernissen gerechtfertigter Maßnahmen die christliche Bevölkerung der Küstengebiete ins Innere Anatoliens umgesiedelt werden sollte. Ein entsprechender Beschluss der jungtürkischen Regierung war auf Drängen des mit dem osmanischen Sultanat verbündeten Kaiser Deutschlands zustande gekommen.
Das eigentliche Ziel der aus diesem Umsiedlungsbeschluss resultierenden Vertreibung der Bevölkerung, der Plünderungen, der Brandschatzungen in den Dörfern, der Vergewaltigungen und Morde war die Enthellenisierung  griechischer Gebiete, damit anschließend die Türkisierung dieser Region leichter vollzogen werden konnte.
Wegen der Proteste der pontischen Griechen und anderer Christen gegen die türkischen Raub- und Mordüberfälle unter Druck gesetzt, beschloss die unter britischer Kontrolle stehende Sultans Regierung in Konstantinopel, Mustafa Kemal, einen der ranghöchsten und erfolgreichsten osmanischen Militärs in den Pontos zu entsenden, damit er die irregulären Banden entwaffne und die Ordnung wieder herstelle. Zugleich wollte man Kemal aus der Hauptstadt entfernen, da er mit seinen nationalistischen Ansichten für die Regierung kompromittierend und den alliierten Besatzern lästig war.  Mustafa Kemal war der Sultans Regierung als geeigneter Kandidat zur Wiederherstellung der Ordnung in den östlichen Provinzen Kleinasiens vorgeschlagen worden. Diejenigen, die diesen Vorschlag unterbreiteten, beabsichtigten allerdings genau das Gegenteil, nämlich den Aufstand der Muslime gegen die alliierten Besatzer und besonders gegen die griechischen Streitkräfte zu stärken, die einige Tage später bei Smyrna landen sollten. Die anti-griechische Stimmung wurde durch den Kampf der pontischen Griechen für Gleichberechtigung, Freiheit und sogar für die Gründung einer unabhängigen Republik seit Anfang 1919 noch gesteigert. Dies führte auch zu einer Steigerung des Nationalgefühls bei den Muslimen, eine gefährliche Waffe, die Mustafa Kemal und seine Eliteoffiziere seit dem 19.Mai, dem Tag ihrer Ankunft im Pontus, auszunutzen wussten.

Vor allem auf dem Land war die Lage verzweifelt. Allgemein bekannte Briganten setzen Nacht für Nacht ungehindert ihre Ausschweifungen in griechischen Dörfern fort, indem sie auf die wehrlosen Bewohner schossen, sie plünderten oder vergewaltigten. (…)
(…) In jenen Gebieten, in denen pontosgriechische Widerstandskämpfer nicht aktiv werden konnten, setzten die Kemalisten ihr zerstörerisches Treiben ungehindert fort. Die Banden nationalistischer Organisationen, die sich in den Dörfern mit fanatischen muslimischen Einwohnern verbündeten, belagerten gemeinsam mit diesen griechische Dörfer und rotteten nicht nur deren Einwohner aus, sondern ließen auch alle Bauwerke dem Erdboden gleichmachen.


Abgesehen von kemalistischen Freischärlern war auch die osmanische Presse für die Erhebung der muslimischen Bevölkerung verantwortlich. (…) Mustafa Kemal verkündete, das türkische Volk sei verfolgt und stachelte es zum Kampf für die angebliche Verteidigung seiner Heimat an.
Der Genozid musste schnell vollzogen werden, bevor die Mitglieder internationaler humanistischer Organisationen oder einige der alliierten Länder dagegen protestieren würden.
Das allgemeine Blutbad, die Plünderungen und Ausrottung im Pontos begannen im Februar 1920 und dauerten bis August dieses Jahres. Die Massaker und Deportationen wurden unter halboffizieller Beteiligung des Militärs und ziviler Beamter durchgeführt. Da es sich um eine größere und zudem reiche Region handelte, mussten an ihrer Zerstörung zahlreiche Personen teilnehmen; sie stammten aus allen Schichten der Bevölkerung.
Die von Jungtürken und Kemalisten begangenen Verbrechen werden bis heute nicht von der offiziellen Türkei als Staatsverbrechen anerkannt.


kjAus dem PAAA (Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes), Türkei Nr. 168, Beziehungen der Türkei zu Griechenland, Band 14 und 15, Beobachtungen des Dragomans Schwörbel auf seiner Dienstreise nach Aiwali (2/19.8.1915:

Der deutsche Botschafter in Konstantinopel Metternich sagt, dass die Neutürken die Deportationen der Griechen, welche an der Küste des Schwarzen Meeres lebten, damit zu begründen versuchten dass die Russen eben diese mit Waffen versorgten. Sie fürchteten also einen griechischen Aufstand. Diese Argumentation ist jedoch falsch da die Bevölkerung welche deportiert wurde hauptsächlich aus Frauen, Kindern und älteren Menschen bestand. Diejenigen die in der Lage waren ein Gewehr zu benutzen waren entweder schon beim Militär, auf den Bergen oder im Ausland (ebenfalls durch Deportationen und Vertreibung).
Bestimmte deutsche Soldaten die nicht einverstanden waren mit diesem Völkermord versuchten durch Berichte welche ans Außenministerium gesendet wurden sich zu distanzieren um nicht mit beschuldigt zu werden. Diese Distanzierungen nahmen zu nachdem die Welt von dem Holocaust an den Armeniern unterrichtet wurde. Am 16.Juli schrieb der deutsche Botschafter von Amisos, Kückhoff ans Innenministerium in Berlin: Aus sicheren Quellen kann ich sagen dass die gesamte griechische Bevölkerung von Sinopi und der weiteren Küstenlandschaft der Gegend entwurzelt und verbannt worden ist. Verbannen und Vernichten hat im türkischen Sprachgebrauch dieselbe Bedeutung, denn wer nicht getötet wird stirbt an Krankheiten oder verhungert

Bonn PAAA, Türkei Nr.168, Band 15, f. Band 16, (9.2.1917)

Am 19.12.1916 und am 2.1.1917 beschreibt der österreichische Botschafter Konstantinopels in Wien die letzten Geschehnisse in Amisos, Pontos: 11. Dezember 1916, es wurden 5 griechische Dörfer geplündert und daraufhin verbrannt. Die Bevölkerung wurde vertrieben. 12. Dezember 1916, es werden weitere Dörfer in der Umgebung verbrannt. 14. Dezember 1916, ganze Dörfer werden verbrannt zusammen mit den Schulen und Kirchen. 17. Dezember 1916, in der Periferie von Sampsounta gehen die Plünderungen weiter, es wird vergewaltigt und geschlagen. 31. Dezember 1916, 18 Dörfer sind vollkommen verbrannt worden, 15 zum Teil, etwa 60 Frauen wurden vergewaltigt. Kirchen wurden geplündert.


Der Grieche P. Enepekidis schreibt am 17.08.1997 in der Zeitung Kathimerini:

"Der Genozid a la Türkei ist leise, boshaft, östlich, ohne theoretischen background, aber praktisch und plünderisch. Vertreibungen, Deportationen von Einwohnern ganzer Dörfer, diese erschöpfenden Märsche im Schnee der Frauen und der älteren Bevölkerung - die Männer sind bereits in Zwangslagern und im Militär - dies alles führt natürlich nicht zu einem Auschwitz mit diesen diabolischen vernichtenden Mechanismus der Menschen - Nein, es war jedoch ein mobiles Auschwitz, die Menschen starben unterwegs, sie liefen nicht mit irgend einem Ziel, nein, sie liefen um zu sterben vom Hunger, von der Kälte, der Verleumdung und der schlechten Behandlung.
Dies war ein boshaft organisiertes diabolisches System. Am Ende wartete kein Auschwitz, denn für die meisten gab es kein Ende. Die Reise in den Tod selber war der Tod, nicht das Ziel der Reise."

Der Lehrer und Leiter des Griechischen Komitees zur Aufklärung der Weltöffentlichkeit über diese Geschehnisse, P. Kinigopoulos sagte:

Der türkische Regierungsapparat nahm die Kinder von den Familien in Ihre "Obhut", um sie zu "beschützen" und schickte sie in türkische Schulen nach Sevastia. Dort wurden die Kinder natürlich dementsprechend erzogen. Nicht einmal vor Kleinkindern schreckten sie zurück. Die Islamisierung war daher eine logische Folge






Seit Jahren bemüht sich die Türkei um einen Beitritt zur EU. Viele Fragen und Zweifel wurden dazu in Europa bereits geäußert. Der Umgang mit Menschenrechten, der Meinungsfreiheit und der Minderheitenschutz sind dabei die großen Kritikpunkte – nicht zu Unrecht, wie ein Blick in die Geschichte der Türkei zeigt. Zwei dramatische Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Landes führten dazu, dass die christlichen Gemeinschaften des früheren Osmanischen Reiches fast vollständig ausgerottet wurden. Zum einen der Völkermord an den Armeniern, der bis heute vom türkischen Regierungschef Recep Erdogan geleugnet wird, zum anderen der Genozid an den Griechen. In seinem neu erschienen Buch: „Die Türkei in Europa: Gewinn oder Katastrophe?“ beschreibt der Politikwissenschaftler und Historiker Prof. Dr. Roberto de Mattei u.a. diesen Genozid – eine Geschichte beispielloser Grausamkeit, wie der folgende Buchauszug zeigt.                 




Im 19.Jahrhundert gab es in Kleinasien etwa 1,8 Millionen griechische Christen in rund vierzig Bistümern und 1,7 Millionen Armenier in 46 Diözesen. Die katholische Kirche konnte sich dank dem Schutz der europäischen Mächte, insbesondere Frankreichs, mit genügend Freiheit betätigen. Im Jahr 1912 betrieben französische Ordensgemeinschaften mit wirksamem Einfluss 30 Schulen in Konstantinopel, 21 in Smyrna und 81 im restlichen Kleinasien.
Systematisches Programm zur Ausrottung des Christentums
Mit der Errichtung der Republik Mustafa Kemals trat eine dramatische Verschlechterung der Situation ein und es wurde ein systematisches Programm zur Ausrottung des Christentums durchgeführt. Die Regelung der so genannten „Kapitulationen“, welche jahrhundertelang die Privilegien der Ausländer garantiert und die Christen in der Türkei geschützt hatte, wurde zunächst 1914 einseitig von den Jungtürken aufgekündigt und dann endgültig 1923 durch den Vertrag von Lausanne aufgehoben. Damals begann also die Vernichtung die Deportation der religiösen Minderheiten, die vom neuen Nationalstaat ausgeschlossen wurden.
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs zählte die griechisch-christliche Bevölkerung von Westanatolien und der Pontos-Region etwa 2 Millionen Menschen. Sie bildeten sehr alte Gemeinschaften, welche diese Gebiete seit mehr als zweitausend Jahren bewohnt hatten. Ihre Präsenz war jedoch mit der ethnisch-religiösen Anschauung der Jungtürken unvereinbar, die Mustafa Kemal sich in der Folgezeit zu eigen machte.
Die Ausrottung der Christen wurde von der türkischen Regierung schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in die Tat umgesetzt. Der Historiker Arnold Toynbee schreibt, dass die türkischen Repressalien gegen die Griechen Westanatoliens im Frühjahr 1914 begannen: „die Bewohner ganzer griechischer Ortschaften wurden mittels terroristischer Handlungen aus ihren Häusern entfernt; ihre Häuser, ihre Ländereien und oft auch ihr Mobiliarvermögen wurden konfisziert, und nicht wenige Menschen wurden dabei getötet.“


Eroberung der Stadt Smyrna als trauriger Höhepunkt
Die Vertreibung der Griechen aus der Ägäisregion wurde zwischen 1916 und 1918 fortgesetzt. Die griechischen Christen wurden in Gruppen konzentriert und in Fußmärschen nach Inneranatolien deportiert. Hierbei wurden dieselben Methoden angewandt, deren man sich gegen die Armenier bediente. Die Anzahl der Toten und Vermitssten wird zwischen 200 000 und einer Million geschätzt. Der Massenmord fand seinen Höhepunkt am 9.September 1922 bei der Eroberung der von den Türken belagerten Stadt Smyrna. Die Truppen Mustafa Kemals setzten die Häuser der Griechen und Armenier in Brand, die vergeblich versuchten, über das Meer zu entkommen. Im Hafen lagen zwanzig britische,  amerikanische und französische Schiffe vor Anker, doch unternahmen die Schiffsbesatzungen nichts, um die Flüchtlinge zu retten oder dem Massaker ein Ende zu bereiten.

Deportationen der Überlebenden nach Griechenland
Das Massaker wurde unter anderem vom amerikanischen Konsul George Hornton bezeugt, der sagte, dass die Zerstörung Smyrnas „der letzte Akt eines zusammenhängenden Programms zur Auslöschung der Christenheit im einstigen Byzantinischen Reich war; die Verbannung einer uralten christlichen Zivilisation“. Die überlebenden Christen von Pontos wurden aufgrund eines im Vertrag von Lausanne festgelegten Bevölkerungsaustausches nach Griechenland deportiert. Berechnungen zufolge wurden 1 344 000 türkische Bürger griechischer Herkunft und orthodoxen Glaubens gezwungen, ihr Land zu verlassen und sich nach Griechenland, dessen Sprache sie nicht einmal sprachen, deportieren zu lassen, während 464 000 griechische Moslems in die Türkei überbracht wurden. Die Verfolgung hörte jedoch nicht auf. Im Jahr 1927 gab es noch 257 814 Christen in der Türkei, wovon 178 546 in Konstantinopel lebten; die Gesammtbevölkerung zählte 13 648 270 Menschen. Im Jahre 1950 waren nur noch 191 262 Christen unter den etwa 19 Millionen Einwohnern übrig geblieben.
In den 1930er Jahren zwang der von Atatürk vorgenommene Prozess der „Türkifizierung“ des Landes die griechisch-orthodoxe Mehrheit, die überlebt hatte, zur Emigration. Diese Menschen hatten zur intellektuellen und wirtschaftlichen Elite der Türkei gehört. In den 1950er Jahren wurden die Überlebenden einem neuen Vernichtungsprogramm ausgesetzt. In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955, der „türkischen Nacht“, griffen rund 100 00 mit Eisenstäben bewaffnete und Gruppen organisierte Personen die von griechischen Orthodoxen soweit von Juden und Armeniern bewohnten Stadtviertel an. Die 64 orthodoxen Kirchen der Stadt, die Friedhöfe, Schulen, Krankenhäuser, Wohlfahrtseinrichtungen, Läden und Wohnungen der Griechen wurden während über zwölf Stunden geplündert und in Brand gesetzt; die Polizei schaute dabei untätig zu. Internationale humanitäre Organisationen schätzten den Schaden auf eine Milliarde türkische Lira nach damaligem Wert. Zehn Jahre später, im Jahr 1965, wurden 12 000 Bürger griechischer Herkunft, die in Istanbul wohnten, unter dem Vorwand vertrieben, dass sie „Spione“ oder „unerwünschte Personen“ seien; ihr gesamtes Vermögen wurde beschlagnahmt.
Heute nur noch wenige Christen in der Türkei
Es liegen keine genauen Statistiken vor, aber man schätzt, dass heute etwa 100 000 Christen in der Türkei leben, fast alle in den großen städtischen Zentren Istanbul, Smyrna (Izmir) und Mersin. Bei gut der Hälfte handelt es sich um Gläubige der armenischen Kirche; die Katholiken zählen ungefähr 25 000 Gläubige mit sechs Bischöfen; die syrisch-orthodoxen Gläubigen sind etwa 10 000, die griechisch-orthodoxen rund 5000 und die Protestanten aus unterschiedlichen Denominationen rund 3000.









Donnerstag, 17. Oktober 2013

Der heilige Dionysios von Ägina, aus Zakynthos stammend

16.August 2013

Der heilige Dionysios  wurde unter dem weltlichen Namen Draganios Sigouros im Jahre 1547 im Ort Ägialos auf der Insel Zakynthos geboren. Sein Vater war Mokios Siguros und seine Mutter hieß Paulina Valvi.
Die Wurzeln der Familie Siguros stammten aus der Normandie, von wo sie nach Italien gekommen waren und von dort nach Zakynthos übergesetzt hatten. Nachdem sich diese Familie besonders im den Venezianisch-Türkischen Kriegen hervorgetan hatte und sich durch ihre Heldentaten die Eintragung ins Buch der Adelsfamilien verdient hatte, erhielt sie vom Herrscher der Insel Zakynthos Ländereien im Südwesten der Insel. Der Großteil der Familie ließ sich orthodox taufen, sowie auch die Vorfahren des Heiligen.
Auch seine Mutter kam aus einer adligen Familie, der venezianischen Familie Valvi. Aus der Ehe von Mokios und Paulina gingen drei Kinder hervor: Draganios, Konstantin und  ihre Tochter Sigura.
Der Vater ließ seinen Sohn Draganios eine besondere Bildung zukommen und dieser lernte bei bekannten Lehrern Altgriechisch, Lateinisch, Italienisch und erhielt eine tiefe Kenntnis der Heiligen Schrift und der Kirchenväter.
Schon bald zeigte der Heilige einen besonderen Eifer, sich nicht vom Weg Gottes abbringen zu lassen. Weder seine adlige Herkunft, noch sein Reichtum oder die Ehre von erworbenen Ämtern konnten ihn dazu verleiten, seinen Weg zum Himmelreich abzubrechen. Er beschloss mit 21 Jahren, seine Eltern und alles Weltliche zu verlassen und machte sich auf den Weg ins Kloster Strofadon, das gegenüber der Insel Zakynthos lag. Sein ganzes Vermögen hinterließ er seinem Bruder Konstantin mit der Bitte, ihrer Schwester Sigura eine gute Mitgift zu geben.
Im Kloster hielt er Nachtwachen, fastete streng und lebte ein strenges asketisches Leben, sodass er sich, trotz seiner Jugend, von den anderen abhob. Bei der Mönchsweihe erhielt er vom Klosterabt den Namen Daniel und seine Tugenden wurden schnell auf der ganzen Insel bekannt.
Ein Jahr später wurde er vom Bischof der Inseln Zakynthos und Kefalonia zum Priester geweiht und im Jahre 1577 machte er sich nach Piräus auf, um vom dort zu den heiligen Stätten Jerusalems zu pilgern.
In Athen angekommen, hielt er es für seine Pflicht, vor der Reise den Segen des Bischofs zu erhalten und dieser war, als er am Sonntag die Predigt des Heiligen hörte, so angetan von ihm, dass er ihn beim Patriarchen von Konstantinopel Iremias als Bischof Äginas vorschlug. Der Patriarch stimmte zu und gab seine Erlaubnis und so wurde aus dem Mönchspriester Daniel der Bischof Äginas mit dem Namen Dionysios.
Seine Pflichten als Hirte der Christengemeinde auf Ägina erfüllte er mit größter Sorgfältigkeit und Hingabe. Er war ein unermüdlicher Lehrer der Heiligen Schrift, Vater und Pädagoge der Kinder Gottes, während er selbst ein asketisches Leben führte. Er sorgte dafür, auf jede Weise den Bedürfnissen der Christen nachzukommen. Wo es auch ein Problem, eine Schwierigkeit, Armut oder Freude gab, war der Heilige zugegen. Er „freute sich mit den Fröhlichen und weinte mit den Weinenden“ (Römer 12, 15).
Besonders trat er jedoch mit den Christen durch seine Predigten in Verbindung. Seine Predigten erlangten bald einen solchen Ruf, dass nicht nur die Christen der ganzen Insel, sondern auch aus Athen, Salamina und Poros kamen, um ihn zu hören. Er selbst blieb dabei der einfache, demütige Priester und all die Bewunderungen seiner Zuhörer ließen ihn nie stolz werden.
Im Jahre 1579 entschloss sich der Heilige wieder nach Zakynthos zurückzukehren und damit das Amt des Bischofs in Ägina abzulegen. Er befürchtete, durch die ständigen Lobreden doch irgendwann seiner Eitelkeit zu erliegen, stolz und überheblich zu werden und sich von Gott zu entfernen. Als er diesen Beschluss gefasst und seinen Nachfolger festgesetzt hatte, waren nicht nur seine geistigen Kinder betrübt, sondern alle Kirchengemeinden der Insel und Umgebung.
Wieder in Zakynthos geriet er, nachdem er dort die ansässigen Priester ordinierte, in die Klauen der staatlichen Verwaltung der Venezianer, die dafür den Bischof in Kefalonia vorgesehen hatten und dieser sich bei ihnen über das unbürokratische Vorgehen des heiligen Dionysios beschwerte. 1581 wurde er deshalb vom venezianischen Statthalter Nikolaas Daponte seines Amtes enthoben und lies sich daraufhin im Koster „Anafonitrias“ nieder.
Wie aus den venezianischen Archiven zu entnehmen ist, bestand zwischen den Familien Mondinon und Soguros eine tödliche Feindschaft. Der Heilige Dionysios versuchte, diesen Streit zu schlichten, aber vergeblich. Im Gegenteil, es wurden sogar Morde begangen, da sich die Bewohner in zwei Gruppen gespalteten hatten. Bei einer dieser Zusammenstöße wurde der einzige Bruder der Heiligen, Konstantin, getötet.
Der Mörder Konstantins flüchtete vor der Verwandtschaft der Siguros und den Gendarmen. Nach langer Flucht in einsamen Gegenden endet er im Kloster „Anafonitrias“, dessen Abt der Heilige Dionysios war, was der Mörder aber nicht wusste.
Als der Mörder im Kloster angstvoll darum bat, versteckt zu werden, fragte ihn der Abt nach dem Grund. Daraufhin antwortete ihm der Mann, er werde von der Verwandtschaft der Siguros verfolgt, da er Konstantin ermordet habe.
Der Heilige, der als Mensch um seinen einzigen Bruder trauerte, von dessen Ableben er auf diese Weise erfahren hatte, enthüllte jedoch seine Identität nicht, sondern fragte nur: „ Was hatte dir dieser gute Adlige getan, dass du ihn so ungerecht ermordet hast? “
Trotz seiner Trauer im Herzen brachte der Heilige ihm zu Essen, zu Trinken und gab ihm viele geistige Ratschläge, um seine Seele vor der Hölle zu retten. Der Mörder Konstantins bereute seine Tat und lebte Zeit seines Lebens nach den Ratschlägen des Heiligen Dionysios, in dem Versuch, Gnade vor Gott zu erhalten.
Im Anschluss an dieses Mahl verhalf der Heilige dem Mörder seines Bruders mit reichlicher Ausstattung auf ein Schiff, das ihn sicher auf den Peleponnes bringen sollte.
Der Heilige starb im Alter von 75 Jahren am 17.Dezember 1622 in seinem Kloster, dem er sein ganzes Vermögen vermachte und hinterließ viele geistige Kinder, die sehr um den Verlust seiner Liebe und Ratschläge trauerten.
(Zusammenfassung und Übersetzung der Biographie von Archimandrit Haralambos Basilopulos)

Gedanken zur Biographie des Heiligen Dionysios


Das Leben und Wirken des Heiligen Dionysios erleuchtete viele, besonders beeindruckend ist allerdings seine Fähigkeit zur Vergebung, weshalb er auch der „Heilige der Vergebung“ genannt wird.
Bleibt die Frage, wie sehr wir ihm nacheifern können. Die Kraft zu vergeben, zu lieben ist eine Gabe und wird uns von Gott geschenkt. Dabei machte es mir immer besonderen Eindruck, daß nur die Christen in der Lage sind, nicht nur ihre Freunde – wie es die Heiden tun – sondern auch ihre Feinde zu lieben (Matth. 5, 44-48).  Das Christentum ist der einzige Glaube in der Welt, der von solch einer Liebe spricht und sie auch verwirklichen kann.
Das bewies uns in der Praxis, wie sein Leben zeigte, der Heilige Dionysios, der ein griechisch-orthodoxer Priester war. Durch die Gnade Gottes war er in der Lage, dem Mörder seines einzigen Bruders zu vergeben und ihm sogar dabei zu helfen, zu entkommen, um seine Seele zu retten, da dieser nach dieser großmütigen Tat, durch die er die wirkliche christliche Liebe wohl zum ersten Mal erlebte, reumütig gemäß den Ratschlägen des Heiligen lebte.
Diese Liebe, um Christi Willen, lernte ich in der orthodoxen Kirche kennen, wo ich demütige und fromme Priester treffen durfte, die aufgrund ihres Gehorsams, ihrer Hingabe und ihrer Verehrung Gottes so viel Liebe erlangten, dass sie nicht nur die hartherzigsten und von der Sünde verletzten Menschen, sondern ebenso verwirrte und tieftraurige, von den Sorgen müde Christen mit echter Nachsicht, Freundlichkeit und Güte heilten. Sie und andere wahre Gläubige leben diese Liebe und können gar nicht anders als gutherzig handeln.
Vergeben zu wollen und vergeben zu können sind aber zwei grundverschiedene Dinge. Das Erste war mein Wille und meine Sehnsucht, solange ich noch nicht orthodox getauft war, sondern als evangelische Christin versuchte, in der Welt zurechtzukommen. Der Begriff „Vergebung“ blieb für mich theoretisch und unerreichbar, denn erst lange Zeit nach meiner orthodoxen Taufe, nach Jahren geistigen Lebens innerhalb der orthodoxen Kirche erlebte ich das erlösende Gefühl, jemandem vergeben zu können. Ich spürte eine ruhige, sanftmütige Liebe der Vergebung – unabhängig von meinen Gedanken, sodass ich mich gar nicht mehr darum bemühen musste, Rechtfertigungen für den anderen zu suchen.
Der Weg zu dieser Gnade Gottes ist gemäß den Kirchenvätern ein Zusammenwirken von Gebet, Fasten und dem heiligen Abendmahl mit seiner entsprechenden Vorbereitung, die hauptsächlich das Beichtgespräch und die Absage von schlechten Gedanken, die unsere Seele beschmutzen, beinhaltet. Unter Fasten versteht die heilige orthodoxe Kirche nicht nur die Einschränkung  verschiedener Speisen, sondern die Zurückhaltung von allem weltlichen Genuss. Die großen Asketen der Wüsten bilden dabei das leuchentende Vorbild für alle orthodoxen Christen, aber auch für jeden, der auf der Suche nach dem wahren Leben ist.

Montag, 8. Juli 2013

Heiliger Alexander von München – der Neumärtyrer



Inmitten des Nazismus ein orthodoxes Licht

Am 4.Februar 2012 fand in der Münchner Kathedralkirche in der Nähe des Friedhofs am Perlacher Forst, wo sich das Grab Alexander Schmorell befindet,  der Festakt der Heiligsprechung von Alexander Schmorell durch die Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland statt, die später auch von der offiziellen Russischen Kirche anerkannt wurde. Der Gedenktag des heiligen Alexander von München in der Liturgie ist der 13.July.
Wie auch in anderen Städten Deutschland (Rostock, Grünwald, Bad Oeynhausen, Dormagen und Kassel) wurden gleichfalls in München Schulen, Plätze und Straßen sowohl nach ihm, als auch nach den anderen Mitgliedern der Gruppe Weiße Rose –  Studenten mit einem starken christlichen Glauben, die es wagten,  dem Ungeheuer des Nazismus, dem Führer der NSDAP Widerstand zu leisten und deshalb zum Tode verurteilt wurden, benannt.
Alexander Schmorell wurde am 16.September 1917 im Russischen Orenburg geboren. Sein Vater, ein deutscher angesehener Arzt namens  Dr. Hugo Schmorell und seine Mutter, Natalia Vvedenskaja, eine Russische Volkswirtschaftsstudentin und Tochter eines orthodoxen Priesters, tauften ihr Kind christlich-orthodox.
Als Alexander zwei Jahre alt ist, stirbt seine Mutter im Bürgerkrieg an Typhus. Der Vater ist  in Gedenken an seine Frau darum bemüht, sein Kind orthodox aufwachsen zu lassen, wozu er die Russische Kinderfrau Feodosija Lapschina (Rufname Nanny), eine überaus herzliche und fromme Russin, ins Haus holt, während er selbst wiederheiratet , nämlich Elisabeth, eine katholische Deutsche, die aber aus Tradition die Russischen Sitten pflegt.
 Alexander bekommt später noch zwei weitere Geschwister, mit denen er, ebenso wie mit seiner Stiefmutter in einem sehr herzlichen Verhältnis steht. Nach der Besetzung des Landes durch das kommunistische Regime ist die Familie gezwungen, auszuwandern. Alexander ist gerade vier Jahre alt, als die Eltern nach München umsiedeln, wohin sie auch die Gouvernante Nanny mitnehmen, die sehr an der Familie hängt und unentbehrlich ist. Dort geht Alexander in die öffentliche Schule, aber sein geistiges Leben führte er in der Russischen orthodoxen Kirche in München fort, die er innerlich immer mit dem Bild seiner Mutter verbindet.
Der Zweite Weltkrieg bricht aus, als Alexander schon Medizin studiert und so muss er der deutschen Wehrmacht in der Tschechoslowakei und später in Frankreich gemeinsam mit seinem Freund Hans Scholl, ebenfalls Medizinstudent dienen. Zusammen schaffen sie es immer wieder, trotz des militärischen Drill,  das sture Kasernendasein auf den Kopf zu stellen und Alexander erweist sich als großherziger Charakter voll Freiheit und Freude, der jedoch in vielen Momenten einen ebenso tiefen Ernst und eine innige Suche nach der Wahrheit zum Vorschein bringen konnte.
 









„ Ich kam vom Regen in die Traufe“ beschrieb Alexander ihre Umsiedlung aus dem Revolutionären Russland ins Nazistische München. Er betonte immer wieder, dass sowohl das Stalin-, als auch das Hitler-Regime antichristlich waren und die gleiche böse Wurzel hatten.
Nach den Erfahrungen an der Front, wo Alexander Schmorell, Hans Scholl und Willi Graf Zeugen von Massenmorden in Polen und dem Unglück im Warschauer Ghetto werden, beschließt der Neumärtyrer  im Juni 1942, dass Gespräche allein nicht mehr reichen, sondern Tatkraft von Nöten ist. Laut Zeugenberichten nimmt Alexander die Initiative in die Hand und gemeinsam mit Hans Scholl verfassen sie die ersten vier Flugblätter, die anonym per Post verteilt werden.
Die Widerstandsbewegung wurde Weiße Rose genannt – ein Name aus Alexanders Lieblingsbuch „ Brüder Karamasow “ von Dostojewski, der einen Moment beschreibt, in dem ein Mädchen von Jesus Christus wieder zum Leben erweckt wird und das bei seiner Auferstehung einen Strauß weißer Rosen in der Hand hält. 
Später kamen auch der Medizinstudent Christoph Probst, mit dem Alexander eine alte Freundschaft aus der Schule verband, sowie die Schwester von Hans, Sophia Magdalena Scholl, Biologie- und Philosophiestudentin und Willi Graf, ebenfalls Medizinstudent, zu ihrer Widerstandsbewegung Weiße Rose hinzu.
Aus den Dokumenten der Augenzeugen dieser Zeit ist ersichtlich, dass ein tiefer Glaube die befreundeten Studenten dazu führte, Widerstand zu leisten. Alexander Schmorell, der laut Inge Scholl, der Schwester von Hans und Sophia,  den Widerstand in Gang brachte ,war durch seine künstlerischen Fähigkeiten – er war außerdem ein begabter Zeichner -  und geistigen Ambitionen die treibende, geistige  Kraft der Gruppe und inspirierte  sie mit Geschichten und Versen voll Liebe zur Wahrheit  aus dem christlich-orthodoxen Russland.
Sie versammelten sich zunächst im Haus von Alexanders Eltern, dann bei Hans zu Hause, um sich gegenseitig Gedichte vorzulesen, aus denen sie Teile für ihre Flugblätter verwendeten,  oder um Bibeltexte zu lesen, die ihnen Kraft gaben. Alexander war in der Lage, ihnen den zarten Schatz des orthodoxen Glaubens zu öffnen und als Antwort auf seine liebevolle Kraft begannen die anderen der Gruppe, Russisch zu lernen. Er hatte einen Frohsinn und eine Freiheitsliebe, die ihnen Auftrieb gab und  jeden Zweifel am Glauben aus der Welt schaffte. „Wenn Alexander lachte, ging die Sonne auf“, sagten seine Freunde.
Beide, Hans und Sophie, wuchsen mit einem starken christlichen Glauben an Gott auf, dabei war es aber Alexander, der sie mit seiner innigen  Liebe zu Jesus im Herzen ermutigte, ihnen mit seinen Fürbitten an die Jungfrau Maria und an die Heiligen der orthodoxen Kirche zur Zivilcourage und ausschließlicher Liebe zur Wahrheit verhalf.
Sein tief verwurzelter Glaube, den Alexander in sich trug und an alle um sich herum ausstrahlte, half ihnen, ihre eigene Überzeugung, dass sie für alles, was sie handelten und glaubten, vor Gott Rechenschaft ablegen würden, nie zu verraten. So erbarmte sich Gott ihrer und gab ihnen die Kraft, frei vor der GESTAPO und später dem Nazistischen Gericht zu gestehen,  dass sie tatsächlich  planten, einen Staat zu bekämpfen, der mit dem  christlichen Glauben unvereinbar war.
Alexander und Hans begannen den Widerstand, als die SS die behinderten Kinder aus den Anstalten einsammelten, um sie hinzurichten oder zu vergasen. Die weiße Rose photokopierte antifaschistische Gedichte mit dem Aufruf an das deutsche Volk zum Widerstand. Die ersten vier Flugblätter wurden von Alexander und Hans von Mai bis Juli 1942 erstellt und an verschiedene Adressen in Bayern und Österreich geschickt.
Als die ersten Flugblätter auch an der Uni München auftauchten und dort von Hand zu Hand gingen – ein Aufruf an jeden Bürger, die Verantwortung gegen die dunklen Mächte einer Tyrannenclique zu übernehmen und passiven Widerstand zu leisten, um die Weiterführung dieser atheistischen Kriegsmaschine zu stoppen – reagierten die Studenten mit einer seltsamen Unruhe, so etwas wie einem begeisterten Triumph, durch den sich allerdings auch hier und dort eine wütende Ablehnung mischte.
Ende Juli 1942 dient Alexander als Sanitätsfeldwebel im Russlandfeldzug, dem soggennannten „Unternehmen Barbarossa “ gemeinsam mit Hans Scholl und Willy Graf, von wo er mit einem tieferen Verständnis seiner Heimat zurückkehrt.
 Nach seiner Rückkehr am 30.Oktober nach München zu seinem Medizinstudium kommt Alexander in Kontakt mit anderen Widerstandsorganisationen in Berlin und die weiße Rose verfasst das 5. Flugblatt mit einer Auflage von 6000 bis 9000 Stück, das an der Universität und in die Briefkästen in bestimmten Städten Deutschlands sowie Österreichs und Englands verteilt wird.
Ende Januar 1943 entfachte sich nach der Schlacht von Stalingrad eine Studentendemonstration gegen den Krieg und zu diesem Anlass verfasste Kurt Huber, Sophias Philosophieprofessor an der Uni München, in dessen beliebten Vorlesungen auch Mediziner erschienen und der inzwischen auch zur weißen Rose gehörte,  das 6. Flugblatt, das in den Häusern Münchens verteilt wurde. Am 18. Februar nehmen die Geschwister Sophie und Hans Scholl die übriggebliebenen Flugblätter an die Universität München mit, wo sie der Hausmeister Jakob Schmid bei der Verteilung in der Aula beobachtet und die SS benachrichtigt. Die Jugendlichen werden – auf frischer Tat ertappt – verhaftet und zur GESTAPO geführt. Anschließend wird auch Christoph Probst verhaftet, während Alexander Schmorell der Verhaftung noch entgeht.
Wenige Tage später, am 22.Februar, findet die Gerichtsverhandlung statt und die drei Studenten werden vom Volksgerichtshof durch den Richter Roland Freiser wegen Hochverrat zum Tode durch das Fallbeil verurteilt.
Hans Scholl, 25 Jahre, Sophia Magdalena Scholl, 22 Jahre und Christoph Probst, 24 Jahre wurden am 22. Februar 1943, noch am selben Tage der Gerichtsverhandlung hingerichtet.
Alexander, der von der Verurteilung und Hinrichtung seiner Freunde noch nichts wusste,  wird am 24.Februar in einem Münchner Luftschutzbunker wiedererkannt, denunziert und verhaftet und am 19.April in der zweiten Gerichtsverhandlung, ebenfalls durch den Richter Roland Freisler, gemeinsam mit Willy Graf und dem Professor Kurt Huber wegen Hochverrat zum Tode durch das Fallbeil verurteilt.
Der Neumärtyrer Alexander Schmorell, 25 Jahre, Kurt Huber, 50 Jahre und Wilhelm Graf, 25 Jahre, wurden am 13. Juli 1943 hingerichtet.


















Brief des heiligen Alexander aus dem Gefängnis in Stadelheim an seine Eltern:
Er zitiert in einem Brief an die Eltern den hl. Theodor Studites: „Darum habe ich Gott ob dem Unglück gedankt und mich völlig unter die unerforschlichen Gerichte seiner Vorsehung gebeugt, die [er] schon vor Grundlegung der Welt, Zeit und Ort des Todes für jeden Menschen in zuträglicher Weise vorausgesehen hat.“ (18.06.1943). Mit diesen Worten des Heiligen Theodor bekräftigte Alexander das, was er bereits von sich aus an die Eltern geschrieben hat: „Gott lenkt alle Dinge so, wie er es will, und wie es zu unserem Besten ist, wir müssen uns immer nur voller Vertrauen in seine Arme geben – er wird uns dann niemals verlassen, immer helfen und trösten.“ (05.06.1943).
Auszüge aus den letzten Briefen  des heiligen Alexanders an seine Schwester Natascha und an seine Eltern kurz vor der Hinrichtung:
 „Du wirst Dich vielleicht wundern, wenn ich Dir schreibe, dass ich innerlich von Tag zu Tag ruhiger werde, ja sogar froh und fröhlich, dass meine Stimmung meistens besser ist, als sie es früher in der Freiheit war! Woher das kommt? Das will ich Dir gleich erzählen: ich Dieses ganze harte ‚Unglück‘ war notwendig, um mich auf den wahren Weg zu bringen – deshalb war es eigentlich gar kein Unglück. Vor allem bin ich froh und danke Gott dafür, dass es mir gegeben war, diesen Fingerzeig Gottes zu verstehen und dadurch auf den rechten Weg zu gelangen. Denn was wusste ich bisher vom Glauben, vom wahren tiefen Glauben, von der Wahrheit, der letzten und einzigen, von Gott? Sehr wenig! – Jetzt aber bin ich soweit, dass ich auch in meiner jetzigen Lage, froh und ruhig, zuversichtlich bin – mag, was da wolle. Ich hoffe, dass auch Ihr eine ähnliche Entwicklung durchgemacht habt und das Ihr mit mir zusammen nach den tiefen Schmerzen der Trennung auf dem Standpunkt angelangt seid, wo Ihr für alles Gott dankt.“ (02.07.1943)

„Meine lieben Vater und Mutter!
Nun hat es doch nicht anders sein sollen und nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei Euer Trost und Eure Hoffnung. Für Euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe hinüber in dem Bewusstsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles lässt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen. Denkt an die Millionen von jungen Menschen, die draußen im Felde ihr Leben lassen – ihr Los ist auch das meinige. Grüßt alle meine lieben Bekannten herzlichst! Besonders aber Natascha, Erich, Njanja, Tante Toni, Maria, Aljonuschka und Andrey.
In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht !!!
Euer Schurik.“
Auszug aus dem 4. Flugblatt der Weißen Rose
„Wer hat die Toten gezählt, Hitler oder Goebbels - wohl keiner von beiden. Täglich fallen in Russland Tausende. Es ist die Zeit der Ernte, und der Schnitter fährt mit vollem Zug in die reife Saat. Die Trauer kehrt ein in die Hütten der Heimat und niemand ist da, der die Tränen der Mütter trocknet, Hitler aber belügt die, deren teuerstes Gut er geraubt und in den sinnlosen Tod getrieben hat. 

Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. Sein Mund ist der stinkende Rachen der Hölle, und seine Macht ist im Grunde verworfen. Wohl muss man mit rationalen Mitteln den Kampf wider den nationalsozialistischen Terrorstaat führen; wer aber heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund dieses Krieges bei weitem nicht begriffen. Hinter dem Konkreten, hinter dem sinnlich Wahrnehmbaren, hinter allen sachlichen, logischen Überlegungen steht das Irrationale, d. i. der Kampf wider den Dämon, wider den Boten des Antichrists. 

Überall und zu allen Zeiten haben die Dämonen im Dunkeln gelauert auf die Stunde, da der Mensch schwach wird, da er seine ihm von Gott auf Freiheit gegründete Stellung im ordo eigenmächtig verlässt, da er dem Druck des Bösen nachgibt, sich von den Mächten höherer Ordnung loslöst und so, nachdem er den ersten Schritt freiwillig getan, zum zweiten und dritten und immer mehr getrieben wird mit rasend steigender Geschwindigkeit - überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den Einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten. Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben, wie ein Säugling ohne Mutter, wie eine Wolke, die sich auflöst. 

Gibt es, so frage ich Dich, der Du ein Christ bist, gibt es in diesem Ringen um die Erhaltung Deiner höchsten Güter ein Zögern, ein Spiel mit Intrigen, ein Hinausschieben der Entscheidung in der Hoffnung, dass ein anderer die Waffen erhebt, um Dich zu verteidigen? Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers. 

’Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten...’ (Sprüche)“ (Spr 4, 1-2).

 Quellen – Literatur
Inge Scholl, die Weiße Rose, Fischer Verlag
www.sobor.de Kathedrale der hl. Neumärtyrer und Bekenner Russlands in München
Christiane Moll, Alexander Schmorell, Christoph Probst: Gesammelte Briefe, Lukas-Verlag, Berlin 2011. Eine biographische Einführung S. 23 – 280
Eine Biographie in Russischen Sprache: Igor Chramov, die Russische Seele der „weißen Rose“, Orenburg 2001